Dirigentin des Super-Moon-Orchesters

„Heute Abend ist Super-Moon, wir fahren alle mit den Kajaks raus und sehen ihn vom Meer“ höre ich eine Männerstimme neben mir sagen.

Meine Neugierde schreit mich an: JAAAA - machen! Wie aufregend. Auf dem Meer sein, in völliger Ruhe und Einsamkeit und mit meinem Liebsten den Mond anschauen -wahnsinnig coole Idee.

Die Entscheidung ist schnell getroffen: wir machen das. Um 21 Uhr werden die Sachen schnell ins Auto geworfen und wir düsen an die Küste, 30 Minuten Fahrt von der Villa Froschewitz.

Dort angekommen werden alle Dinge ins Boot geladen, Schwimmwesten, alles verstaut. Es kann losgehen. Ich steige ins Boot - und zack ist sie da. Eine Mords-Angst.

Mir ist schwindelig. Ich kann mich schlecht orientieren. Alles wackelt.

Shit. Was tu ich hier? Warum um alles in der Welt sitze ich in diesem viel zu engen Teil, auf dem Wasser, das michtief und dunkel anmurmelt?! Ich muss doch bekloppt sein – das machen doch nur mutige Menschen!

Ich. Laura Roschewitz. 35-jährigeWirtschaftspsychologin. Natur-Fan. Angst-Betroffene. Schwindel-Patientin.

Ich sitze in diesem Boot und eine starke Angst durchzieht meinen Körper. Meinen Geist. Ich atme unruhig bzw: ich brauche viel Aufmerksamkeit, um überhaupt zu atmen. Ich werde leicht panisch. Ich sehe nichts - die Organe, auf die ich mich Tag für Tag verlassen kann, versagen.

Okay. Was jetzt? Aussteigen und nach Hause? Hmm.

In meinem inneren Orchester posaunt die Neugierde „NIEMALS, nicht ums Verrecken! Du hast uns Abenteuer versprochen, halt Dein Wort!“ Unmittelbar setzt die Angst-Mundharmonika ein und singt mir das Lied vom Kajak-Tod. „Ganz ehrlich Laura, Du bist noch nie richtig Kajak gefahren. Jetzt ist es dunkel, ihr seid hier mutterseelenallein. Was ist wenn...?! Ich spreche es ja nicht aus, aber es ist sehr gefährlich. Und das Wasser ist soooo eiskalt hier in Schweden. Ich muss Dir nicht sagen, wie gefährlich das ist?“

Shit. Ich als Dirigentin bin gelähmt. Aus Mundharmonika und Posaune wird ein schier unerträglicher Lärm. Beide reden auf mich ein - und dann kommt zu guter Letzt noch der grummelige Ton des Ratio-Kontrabasses.

„Dein Ernst? 30 Minuten Autofahrt für Nichts? Du willst die Umwelt schonen, fährst dann für etwas ‚nur Schönes, Just for Fun‘ so weit mit dem Auto - und willst jetzt umdrehen? Du bist 35 Jahre alt - reiß Dich mal am Zippel, junge Frau. Andere Menschen schaffen das auch, aufs Wasser zu paddeln“.

Kurz überlege ich, meinen Dirigentinnen-Stab hinzuwerfen. Alles aufzugeben und die Drei sich selbst zu überlassen. Neugier-Posaune. Angst-Mundharmonika. Und der Ratio-Kontrabass.

Ich scheine eine schlechte Dirigentin zu sein, ich habe die drei nicht im Griff. Ob sich ein Dirigentinnen-Stab zum Spargel-Stechen eignet? Ich denke über Berufswechsel nach. Scheine ich doch eine grottenschlechte Dirigentin zu sein. Spargel-Stecherin?! Sicher die bessere Wahl.

STOPP - rufe ich. Es reicht!

Ich nehme mir das Paddel und mache die ersten zaghaften Bewegungen. Ich löse mich vom Steg - und habe furchtbare Angst. Ich paddle eine kleine Runde, während ich mit dem Paddel die drei Instrumente dirigiere. Alle dürfen da sein - aber keine lärmt so laut wie eben. Langsam entsteht wieder ein Takt, eine Melodie.

Meter für Meter entferne ich mich vom Steg. Erst zwei kleine Runden. Mit viel Angst im Körper. Dann entscheide ich: eine größere Runde. Jetzt. Kurzes Aufbäumender Mundharmonika - doch ich kann sie einfangen. Ich paddle und atme. Beides braucht viel Aufmerksamkeit. Plötzlich stockt mein Atmen und ich lasse das Paddel fast fallen.

Groß. Beeindruckend. Mächtig. Fast erdrückend groß am Himmel: der Mond.

Die leise Geige der Demut beginnt mit einzustimmen und es wird ganz ruhig.

Ein, zwei Momente einfach nur Sein.

Staunen. Bewundern.

Auf dem Rückweg zum Steg lasse ich das Orchester nochmal etwas Fahrt aufnehmen - es trägt mich zurück. Nicht zuletzt das laute, bestärkende und kraftvolle Mitwirken der Trommel des Stolzes gibt mir Schub - und schon lege ich am Steg an. Glücklich. Stolz. Demütig. Und ganz schön erschöpft.

Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst.

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5 comments on “Dirigentin des Super-Moon-Orchesters”

  1. Mut ist sich selbst zu lieben und die engen Ketten der Ängste immer wieder ein bisschen lockerer zu lassen. Ganz tolles Orchester bei dir und wunderbar erzählt, Chapeau, liebe Laura

Laura Roschewitz
Halenreie 4
22359 Hamburg